Flüchtlingshelfereinsatz Juni 2016

Ein weiteres Mal ging ich von Anfang bis Ende Juni in einen Flüchtlingshelfereinsatz nach Mittelhessen.

Kaum angekommen, bekomme ich die ersten Nachrichten von Flüchtlingshelfern, dass sich die allgemeine Lage sehr entspannt hat.

Jedoch sind viele Flüchtlinge über Libyen / Mittelmeer nach Deutschland gekommen. In meinem ersten Dienst in der Erstaufnahmeeinrichtung, fallen mir vor allem die vielen schwangeren Frauen auf, welche sich anhand der Grösse des Bauches schon im Endstadium der Schwangerschaft befinden. Ich ahne, dass es wohl öfters Einsätze mit beginnenden Geburten geben wird. Ich werde recht behalten.

Ich lerne Dr. A. kennen. Ein syrischer Arzt (Kardiologe aus Syrien), der als Flüchtling im Camp wohnt. Anfang des Jahres ist er mit seinen Kindern und Frau nach Deutschland geflüchtet, nachdem man sein Haus zerbombt hat und er seine Verwandten (welche ebenfalls im Haus lebten) verlor.

Als noch nicht anerkannter Flüchtling ist es ihm durch die Gesetze und die Vorgehensweise der Ämter noch lange nicht möglich, sein medizinisches Geschick und Handwerk dem Land zur Verfügung zu stellen, welches ihm Schutz bietet und im Alltag sich und seiner Familie mit Essen und Trinken versorgt.

Er zeigt mir einen Stapel mit Papieren, die er immer in seiner braunen Umhängetasche bei sich trägt. Es sind Zeugnisse und Diplome von seinen Aus- und Weiterbildungen im medizinischen Bereich. Innere Medizin sowie Kardiologie sind seine Fachgebiete. Noch am selben Tag, als wir uns kennengelernt haben, nimmt er einen Termin bei der Universität war. Diese werden seine Papiere offiziell übersetzen, damit diese beim Amt angenommen werden.

Während des interessanten Gesprächs ertönt der Klingelton des Einsatzhandys…

Am Telefon ist der Sicherheitsdienst, welcher mir aufgeregt meldet, das sich ein Bewohner mit einem Messer versuchte umzubringen. Der Puls steigt, meiner Dienstkollegin erzähle ich auf der 4-minütigen Anfahrt, was mir der Sicherheitsdienst am Telefon erzählt hat. Schon im Auto ziehen wir uns “Doppel-Schutz-Handschuhe” an.

Angekommen sehen wir gefühlt 20 Sicherheitsbeamte und einen Flüchtling, der auf einem Stuhl in der Mitte sitzt und an seiner knapp 1 cm tiefen Wunde leckt.

Er saugt das heraustretende Blut regelrecht auf. Irritiert hole ich mir die ersten Informationen vom Einsatzleiter des Sicherheitsdienstes.

Die Dolmetscherin vor Ort berichtet mir, dass er sein Blut wohl aufsaugt, weil er sich damit heilt. Von was genau, kann der Flüchtling und die Dolmetscherin mir jedoch nicht sagen. Angeblich war er schon öfters in einer psychiatrischen Klinik gewesen, wie mir mitgeteilt wird.

Kurz spreche ich mich mit meiner Dienstkollegin ab, dass wir ihn erst behandeln werden, wenn sichergestellt ist, dass er kein Messer und keine Klingen mehr auf sich trägt. Ich werfe einen kurzen Blick in sein Zimmer, ob es dort vielleicht noch verletzte gibt. Danach prüfe ich, ob es weitere Anhaltspunkte für weitere Verletzungen gibt, welche er sich zugezogen haben könnte. Nichts zu sehen. Nun fordere ich über Funk die Polizei, worauf mir die Leitstelle meldet, dass umgehend Polizeifahrzeuge losgeschickt werden.

Die Lage ist ruhig, und nach wenigen Minuten hören wir die Sirenen und es treffen mehrere Fahrzeuge ein. Der Patient wird nun von den Polizisten durchsucht und danach von meiner Kollegin und mir behandelt.

Die Polizei entscheidet nun, dass ein Paragraf 10 für den Patienten ausgesprochen wird, heisst also, dass der Patient nach Landesrettungsdienstgesetz (Bundesland Hessen) in eine Klinik oder psychiatrische Station eingewiesen wird. Dies auch gegen den eigenen Willen.

Für den Transport des Patienten fordert die anwesende Polizei einen Rettungswagen an. Der angeforderte Rettungswagen bringt den Flüchtling mit der Polizei zusammen in eine psychiatrische Klinik. Einsatzende!

Der Tag bescherte uns noch weitere Einsätze: Geburten, Krampfanfälle sowie bewusstlose Flüchtlinge, die gehörten irgendwann zu meinem Arbeitsalltag.

Der Blog würde nun unendlich lange werden, wenn ich von weiteren Einsätzen erzählen würde. Deshalb setze ich hier ein Ende.

Fast täglich hatten wir beginnende Geburten, vor allem von Frauen aus dem afrikanischen Raum. Und nein, was in den üblichen Filmen bei Geburten gezeigt wird, stimmt meisst nicht mit der Realität überein! 😉

 

Nebst den vielen Einsätzen in der Erstaufnahmeeinrichtung, verbrachte ich viele spannende Stunden auf den Rettungswagen der Johanniter-Unfall-Hilfe in Mittelhessen. Auch dort konnte ich viel für mein medizinisches Interesse lernen und mitnehmen.

Fakt also….

Es hat ein weiteres Mal echt Spass gemacht!

Im August beginnt hier in der Schweiz meine Ausbildung, weshalb ich mich mit dem Projekt nun baldigst verabschieden werde. Es war klasse! All meinen Sponsoren und Fördern möchte ich deshalb Danke sagen.

 

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