Flüchtlingshelfereinsatz Okt. 15

Kurzfristig war ich vom 6. Oktober bis zum 12. Oktober wiederholt ehrenamtlich für Flüchtlinge im Einsatz.

Doch bevor ich euch vom Einsatz und den Geschehnissen erzähle, muss ich euch aufklären, wieso ich zum Einen nicht alleine in diesen Einsatz ging, und zum Anderen wieso das Ganze so kurzfristig war.

Andy, ein junger Herr, welcher gerade in Österreich im Bundesheer die Ausbildung zum Notfallsanitätsunteroffizier (NFS) mit Notkompetenzen und zum Rettungsschwimmer macht, aber in Basel wohnt, steht mit mir schon seit einem Jahr per Facebook in Kontakt. Wirklich gesehen haben wir uns bis zum 6. Oktober noch nie. Er macht auf mich einen guten Eindruck.

Wir tauschten uns über Medizin, rettungsdienstliche Abläufe aber selbstverständlich auch über Politik aus.

Natürlich über Facebook! 😉

Und eines Tages (Montag 5 Oktober) beging ich einen Blick in meinen Kalender, der ausnahmsweise so leer war für die kommende Woche wie der Kühlschrank zu Hause und fragte ihn was er morgen und die kommenden 7 Tage vorhätte …

 

Andy: Eigentlich wollte ich nach Tel Aviv fliegen aber man kann alles umplanen… Was hast Du vor?

Ich: Hast Du lust einpaar Tage mit mir nach Deutschland in einen Einsatz zu gehen?

Andy: Ab wann denn?

Ich: Morgen? 😀

Andy: Bin um 21.00 Uhr bei dir und dann besprechen wir das Ganze. Ich bin dabei!

 

Nun haben wir kurzfristig am selben Abend noch mit der Johanniter Unfallhilfe Regionalverband Mittelhessen Kontakt aufgenommen und waren überrascht, wie dankbar, flexibel und engagiert diese uns für die Einsatzwoche alles organisierten. Unterkunft, Dienstfahrzeug und auch verpflegungstechnisch hat alles einwandfrei geklappt.

Am nächsten Morgen erhielten wir zeitgerecht die Meldung, dass es klappen wird, und packten unsere Koffer, damit wir um 13.00 Uhr auf den Zug nach Frankfurt – Butzbach

 

Andy und ich trafen uns 11:50h am Bahnhof SBB Basel, holten noch kurz Tickets und Verpflegung.

Dann konnte es losgehen!

Nach Ca. 4 Stunden Fahrt und selbstverständlich haben wir den Anschlusszug in Frankfurt für nach Butzbach nicht gekriegt (Deutsche Bahn halt)…

Um kurz nach 17 Uhr kamen wir dann in Butzbach an und wurden von M.K (Leiter Servicezentrale und Hausnotruf der Johanniter Unfallhilfe e. V) herzlich in Empfang genommen.

Darauffolgend wurden wir zum Johanniterhotel in Butzbach gefahren. Ein wunderschönes Hotel mit freundlichem Personal welches uns ebenfalls herzlichst in Empfang nahm.

Das Hotel kann ich im Nachhinein wirklich jedem empfehlen.

Die Zimmer, welche wir in Beschlag nehmen durften, waren wirklich toll eingerichtet. Grosse Dusche, Toilette aber auch ein grosses und bequemes Bett waren vorhanden.

Nun hiess es Abendessen, ein wenig die Stadt anschauen und Kraft tanken für den kommenden Tag.

Tag 1 in der HEAE (Hessische Erstaufnahmeeinrichtung) Giessen welche zurzeit über 6’000 Flüchtlinge beherbergte haben wir vor allem damit verbracht, dass ganze Gelände (welches sehr gross war) anzuschauen, die Ärzte und weiteres Personal kennenzulernen und ein wenig mitzuhelfen.

Hier war die sogenannte Medical Care Unit (eine provisorisch aufgebaute medizinische Station) mit mehreren Containern aufgebaut. 2 Behandlungsräume sowie einen Helferraum mit 2 Betten für die Nachtdienste und Verpflegung waren vorhanden. Zudem waren die Behandlungsräume wirklich super eingerichtet und hatte auch genügend Medikamente sowie Behandlungsmaterial.

Logistisch wurde auch einiges eingerichtet. Jeder Asylsuchende(r) erhielt eine Plastikkarte mit Name, Herkunftsland, Geburtsdatum und Foto, das mit einem internen Informationssystem verbunden ist.

Vor allem über die medizinischen Daten in der Ambulanz kann der Überblick behalten werden.

So ging es die kommenden Tage auch weiter bis….

Freitag nachmittag.

Der Leiter des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) Herr M.L kontaktierte uns am Nachmittag, ob wir am Samstag die 24h-Stundenschicht zu zweit (also Andy und Ich) für die Bereitstellung der medizinischen Erstversorgung sowie das First-Response mit unserem Krankenwagen auf dem gesamten Gelände übernehmen würden.

First-Responder, müsst Ihr wissen, sind qualifizierte Ersthelfer, welche die Zeit bis zum Eintreffen der Einsatzmittel von Rettungssystemen überbrücken. Dies war im Camp so aufgebaut:

Im Falle eines Notfalles gelangt eine Benachrichtigung über Digitalfunk oder Telefonanruf über die Notrufzentrale oder vom tagesleitenden Security-Mitarbeiter zu uns.
Mit einem Notfallrucksack und ein Security-Mitarbeiter fahren wir mit dem MTM-Fahrzeug zum Einsatzort und beurteilen die Lage. Sollten weitere Einsatzkräfte notwendig sein, werden diese von uns nachgefordert.

 

Selbstverständlich sagten wir zu, und freuten uns das man uns das Vertrauen für solch eine grosse Aufgabe schenkte.

Nun war es also schon fast eine Feuertaufe für uns da uns der eine oder andere schon einwenig belächelte und wir selbstverständlich zeigen wollten, was ”Schweizer Qualität” so alles mit sich bringt. 😀

Um 8 Uhr am nächsten Morgen begann unsere Schicht. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben solch gut aber auch so viel gegessen aus Skepsis, dass ich wahrscheinlich lange nicht zum Essen kommen werden. Andy hatte glücklicherweise schon Erfahrungen mit 24h-Diensten über das Militär bei der Berufsrettung in Wien gemacht.

Die Schicht brachte uns schon wenige Minuten nach Schichtbeginn die ersten Patienten. Offene Blasen, welche auf der Flucht nach Deutschland nicht versorgt wurde und somit zu einer grösseren Verletzung wurde.

Verdacht auf Herzinfarkt, Schwächeanfall, Verbandswechsel aber auch tiefe Platzwunden am Kopf waren Hauptbestandteil unserer Schicht.

Aus Gründen des Datenschutzes können wir nicht detailliert über die Krankengeschichten der Patienten sprechen. Ein paar allgemeine Aussagen können dennoch gemacht werden:

Die Patienten sind kooperativ. Vor allem verglichen mit Nachteinsätzen in europäischen Städten fällt das auf. “Shukran” (arabisch für Danke) war das Wort der Woche.

Viele tragen seelische und körperliche Narben ihrer Flucht. Aufgrund Personalmangel müssen die meisten alleine damit klarkommen.

Auffälligerweise verlangen Patienten für alles Mögliche Antibiotika als Symptombekämpfung. Dies scheint im Nahen Osten stärker als in Europa ausgeprägt zu sein. Viele sind sich nicht bewusst, dass für Fieber ein paar heisse Tee’s und Tage Bettruhe mehr bringen kann, als Medikamente, die längerfristig Magengeschwüre hervorrufen können und die Niere belasten.

Das Problem diesbezüglich war immer, dass wir als nicht-ärztliches Personal nie das Recht hatten, Medikamente abzugeben, da dies aufgrund der Erfahrung und Haftung Ärzten vorbehalten sind. Dies schienen die meisten nicht zu verstehen.

Im Rahmen der Anamnese fiel mir immer wieder auf, mit welchen gesundheitlichen Problemen viele zu kämpfen hatten. Diese Menschen leiden an Krankheiten, die wir in Europa mittlerweile vergessen haben und an Verletzungen, die sie auf der Flucht erlitten haben.

Somit können wir zwei froh sein, dass wir grundsätzlich gesund sind.

Andererseits haben die Flüchtlinge einen späteren Tagesrhythmus, dass sich auch auf den täglichen Arztbesuch auswirkt. Es kommen viel mehr am späten Abend, wenn keine Sprechstunde mehr ist, als am frühen Morgen. Ein ähnliches Phänomen kennen auch wir, nachdem mehr und mehr Personen zu irgendwelchen Zeiten in die Notfallaufnahme gehen, als zu Sprechstundenzeiten zum Hausarzt.

41 Patienten haben wir innert 24 Stunden bis zur letzten Minute unserer Schicht betreut. Ausser eine Mittagspause und wenigen Klopausen hielt uns die Arbeit durchgehend während 20 Stunden auf Trab.

Nun, das war’s und somit möchte ich mich vor allem bei der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Regionalverband Mittelhessen und deren MitarbeiterInnen Bedanken und ihnen viel Kraft für die weiteren Wochen/Monate in dieser Unterkunft wünschen.
Auch ein Danke an diverse SpenderInnen welche mich/uns kurzfristig finanziell für die Reise unterstützt haben.
DANKE DANKE DANKE!

PS: Unter meinem Facebookaccount haben wir unter dem Hashtag: #PUAFHTB (PascalUndAndysFlüchtlingshelferTagebuch) täglich einen Bericht veröffentlicht.

 

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