ZIVILCOURAGE – Ein Wort das Leben retten kann!

Schichtbeginn bei rund 34 Grad.
Es sind nur wenige Minuten, welche wir auf unserer Rettungswache mit dem Auffüllen von Material und dem Prüfen der Geräte verbringen bis unsere Pager Alarm schlagen. R1 – Dringlicher Notfall lautet die Meldung aus dem kleinen Begleiter, welchen wir an unseren Gurten tragen.
Wir rücken zu einem Herznotfall aus.
Mit Blaulicht geht es durch die Strassen der belebten Stadt. Es machen glücklicherweise fast alle Autofahrer den Weg frei so, dass wir innerhalb weniger Minuten den Einsatzort erreichen. Kein freier Parkplatz, keine weitere Parkmöglichkeit und keine Zeit, um Runden zu drehen und das Auto für alle Beteiligten passend zu parken: Wir müssen die Ambulanz auf der Strasse mit eingeschaltete Warnblinkanlage stehen lassen. In unseren Einsatzkleidern mitsamt Einsatzstiefeln sowie unseren Geräten und den schweren Rucksäcken kämpfen wir uns bei drückender Hitze in den 3. Stock in eine noch wärmere Wohnung. Unsere Patientin wird umgehend versorgt, die Vitalparameter werden aufgezeichnet und laufend beobachtet. Für uns ist klar – sie muss Spezialisten zugeführt werden.
Wir bringen mobilisieren sie auf unsere Trage und schieben sie dem Häuserblock entlang zu unserem Rettungswagen. Die Pflastersteine erschweren die Fahrt mit der Trage, weshalb wir konzentriert und dennoch nicht zu hastig zum Fahrzeug zu gelangen versuchen. Der Schweiss tropft von unseren Köpfen wie das Wasser aus einem Springbrunnen und brennt in den Augen. Wir haben wiederum unsere Rucksäcke und Geräte dabei, welche zusätzlich zur Patientin, welche auf der Trage liegt, wieder in unserem Rettungswagen verstaut werden müssen.
Vor der Haustür angekommen hören wir einen lauthals brüllenden und schlechtgelaunten PKW-Fahrer (vermutlich ein gebürtiger deutscher Bürger wie wir vermuteten), welcher mit seinem Auto hinter unserem Rettungswagen zu stehen kommt. Ja, er kommt tatsächlich nicht durch diese Strasse hindurch. Als er uns und die Patientin auf der Trage sieht, beginnt er zu Hupen und brüllt: „Das kann ja nicht wahr sein, ich muss hier mal durch!“. Unser Fahrer signalisiert dem offensichtlich gefrustetem PKW-Fahrer, dass wir sicherlich noch ein paar Minuten benötigen (da die Patientin im Fahrzeug für die Fahrt in das Krankenhaus angeschnallt werden muss und je nachdem weitere Massnahmen noch fällig werden). Dennoch geben wir unser Bestes um die Strasse möglichst schnell wieder freizugeben.
Er übermittelt brüllend nochmals dieselbe Botschaft – dass er jetzt unbedingt hier durchwolle!

Auf der anderen Strassenseite befindet sich ein Restaurant, in welchem sich 4 ausländisch stämmige Herren beim Rauchen einer Shisha unterhalten. Sie intervenieren kurz darauf indem sie den PKW-Fahrer etwas lauter ansprechen: „Sehen Sie nicht was hier gerade läuft? Die Frau auf der Trage ist krank und muss mit dem Rettungswagen in die Klinik!“.
Der PKW Fahrer erwidert darauf: „Das ist mir sch****egal!“.
Wir lassen uns in diesem Moment weder davon ablenken noch in unserer Arbeitsweise beeinflussen. Die Patientin und ihr momentaner Zustand stehen im Fokus für uns.
Wir laden die Patientin nun mitsamt der Trage in unseren Rettungswagen und bereiten sie auf den Transport vor, verstauen die Rucksäcke und schliessen die Geräte wieder an die Stromversorgung im Rettungswagen an.
Da sich Ihr Zustand nochmals kurz verschlechtert, reagieren wir umgehend darauf und sind wenige Minuten später dann bereit für den Transport. Seit dem Herauskommen aus dem Wohnhaus der Patientin und den medizinischen Massnahmen im Rettungswagen sind nun schätzungsweise drei bis vier Minuten vergangen.
draussen hören wir immer wieder Gehupe und Gebrüll. Wir versuchen uns aber weiterhin nicht abzulenken zu lassen und führen unsere Massnahmen unbeirrt fort.
Der Zustand verbessert sich und wir können die Patientin nun transportieren.
Während der Fahrt betreue ich die Patientin, spreche mit ihr und gebe wichtige Informationen an die Kollegen weiter, welche die Übergabe an das Spitalpersonal vorbereiten. Parallel dokumentieren wir den Einsatz und den Patientenzustand während der Fahrt in das Krankenhaus. Dort angekommen geht es ihr schon sichtlich besser, die Massnahmen im Einsatz haben Wirkung gezeigt. Das freut uns -denn wir sehen, dass wir trotz einiger Herausforderungen unseren Job korrekt ausgeführt haben.
Nun geht es an das Wiederherstellen unserer Einsatzbereitschaft indem wir das Material welches wir eingesetzt haben desinfizieren und das gebrauchte Material wieder auffüllen. Während dem kann ich zum ersten Mal die Situation reflektieren und frage mich folgendes….

Wie kaltherzig muss ein Mensch sein, wenn er sich und die Weiterfahrt mit seinem PKW über das Leben einer offensichtlich stark erkrankten Person stellt, welche notfallmässig vom Rettungsdienst versorgt werden muss.

Wie würde er sich fühlen, wenn er sich als Patient auf der Trage in aller Öffentlichkeit anhören müsste, dass sein Leben anderen Mitmenschen egal ist?

Ein kleiner Hinweis noch zum entsprechenden Szenario:

Der offensichtlich aufgebrachte Herr, welcher mit seinem PKW an der Weiterfahrt durch unsere Parkposition behindert wurde, hat wohl die Fahrzeuge hinter sich einfach ignoriert. Denn diese sind lediglich zwei Meter zurückgefahren, als sie sahen, dass kein Durchkommen möglich sei und konnten danach eine Verzweigung nutzen um auf eine andere Strasse auszuweichen.

Ja, es ist korrekt wenn man nun die Annahme macht, dass ich von den Mitmenschen in unserer Gesellschaft erwarte, dass diese den Rettungskräften die Zufahrt zum Einsatzort ohne Zögern ermöglichen, beim Auffinden einer erkrankten oder verletzten Person den Notruf wählen, Erste Hilfe leisten, nicht gaffen und die Rettungs- und Einsatzkräfte einfach ihre Arbeit machen lassen.

Das nennt man Zivilcourage und dies kann Leben retten!

Was man hier ebenfalls entnehmen kann…

Bei der Zivilcourage kommt es nicht auf die Herkunft oder Religion an, sondern auf die Vernunft, Denkfähigkeit und Menschlichkeit.

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